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Bildung: Privat soll Staat ergänzen

"Salzburger Nachrichten" vom 23.6.2014

von Michael Roither

Private Initiativen allein können die heimischen Defizite des Bildungssystems nicht lösen. Sie sind jedoch eine notwendige Ergänzung zum Schulsystem - so der Tenor einer Expertendiskussion zum Thema in Wien.
 
Das österreichische Bildungssystem ist in einer Dauerkrise - darüber ist sich die Öffentlichkeit weitgehend einig. Es dominieren verkrustete Strukturen, verhärtete Fronten und ideologische Grabenkämpfe um politisches Kleingeld. Viele Reformen bleiben aus, andere werden halbherzig umgesetzt. Eine Lösung, die für die fehlende Bereitschaft der Politik zu mehr Investitionen in die Bildung immer häufiger genannt wird, ist zivilgesellschaftliches Engagement - von Bürgern für Bürger. In diesem Umfeld diskutierten kürzlich im Wiener Palais Kaiserhaus auf Einladung des Verbands Österreichischer Privatstiftungen (VÖP) und des Internationalen Theologischen Instituts (ITI) Kardinal Christoph Schönborn und der Betreiber des Bildungsvolksbegehrens, Hannes Androsch, unter der Leitung von Autor und Berater Andreas Salcher zum Thema "Lösen private Initiativen Österreichs Bildungsdefizit?".
 
Der Ausgangspunkt: "Das Schulsystem befindet sich noch im Agrar- und nicht im Industriezeitalter", sagte Hannes Androsch und nannte zwei Beispiele: Erstens seien 70 Prozent der Frauen berufstätig - viele davon Alleinerzieherinnen. Deshalb wäre ein breites Angebot an (vor)schulischer und pädagogischer Betreuung notwendig. "Da hinken wir gegenüber anderen Ländern um Lichtjahre hinterher. Ich war schon 1947 in einer Ganztagsschule in Belgien, weil mein Großvater dort Lehrer war." Zweitens widerspreche die Tatsache, dass jedes fünfte Kind Nachhilfeunterricht brauche, der Chancengleichheit, weil sich nicht alle Eltern diese Nachhilfe leisten könnten. "Wir haben das teuerste System in der OECD, das ist eine Fehlorganisation." Die Frage, weshalb Private hierzulande Bildung in geringem Maße unterstützen, beantwortete er mit unzulänglichen Rahmenbedingungen: "Man sollte sich das Mäzenatentum zum Vorbild nehmen und es steuerlich attraktiv machen."
 
Kardinal Christoph Schönborn, der seit 18 Jahren die ausschließlich von Mäzenen unterstützte Hochschule ITI im niederösterreichischen Schloss Trumau mit 88 Studierenden aus Mittel-, Ost- und Westeuropa sowie aus den USA leitet, gab sich motivierend: "Bitte gründen Sie Schulen und Universitäten. In der Geschichte waren letztendlich jene Bildungsinitiativen erfolgreich, die etwas Neues gegründet haben." Für das ITI in Trumau habe man sich an der Lehre US-amerikanischer Universitäten orientiert. "Ja, das ist ein Eliteprojekt", sagt Schönborn. "Doch für mich ist Elite kein Schimpfwort. Ich kann das System nicht ändern, aber etwas Neues anfangen." Mit privaten Initiativen allein sei es jedoch nicht getan. Natürlich müsse man auch am Bildungssystem arbeiten, stimmte Schönborn Hannes Androsch zu.
 
Als Highlight des heimischen Schulwesens wurde zwar das duale Ausbildungssystem erwähnt, das eine strukturelle Durchlässigkeit an Österreichs Schulen gewährleiste. Andreas Salcher sprach dennoch vom Niedergang des Bildungswesens. "Wir zehren von den Leistungen der Vergangenheit. Wir hatten ein hohes Bildungsniveau, doch in den letzten 15 Jahren zeigen alle Bildungsindikatoren nach unten - besonders in den bildungsfernen Schichten", lautete seine Diagnose. Eine Studie aus den USA untermauere das Gefälle, dem Kinder ausgesetzt seien: Bei Absolventen der besten Universitäten habe im Kinderzimmer kein Fernseher existiert und im Haushalt der Eltern seien mehr als 50 Bücher zur Verfügung gestanden. Andere Studien besagten, dass lediglich ein Drittel der Eltern einen guten Job mache, ein Drittel kämpfe und ein Drittel versage. Bildung sei die einzige Chance, um Defizite in den Familien zu kompensieren, unterstrich Salcher.
 
Der Grundstein für Bildung werde in den ersten Jahren gelegt, sagte Schönborn unter Zustimmung der Mitdiskutanten: "Die grundlegende Prägung geschieht in den ersten Jahren. Deshalb ist der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten notwendig." Vorzugsweise durch die öffentliche Hand - aber wenn diese es nicht leiste, seien private Initiativen eine wichtige Ergänzung.
 
 

 

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